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Die 2. Finanzierungsrunde – Ein Startup BuzzWord-Bingo

Nach Julies Reise durch Mittelerde im Jahr 2018 sollten die Verhandlungen mit den Investoren ein neues „Kapital“ aufschlagen. Doch wie geht so eine Verhandlung über den Einstieg in ein Startup wirklich vor sich? Versaut durch Kokolores-TV-Shows wie „Die Höhlen der Löwen“ glaubt manch einer, es läuft im wahren Leben auch so romantisch ab.

„Ich brauche 200.000 € und biete dafür 10%“ (für diejenigen, die ihren Café Mathe heut Morgen noch nicht hatten: Dies entspricht einer Unternehmensbewertung von 2 Mios). Eine Erziehungsschelle durch einen der Löwen käme prompt.

Dennoch erweckt das Format den Eindruck, die Unternehmensbewertung und der Einkauf ins Unternehmen geht ähnlich smooth wie bei Aldi an der Kasse. Weit gefehlt. Selbst wenn einer der Löwen vollmundig seinen Einstieg erklärte und sich vor der Kamera alle lieb hatten, erst nach Sendeschluss kam die eigentliche Arbeit. Vertragswerke, Satzungen, Terms-Sheets, Handschellen-Klauseln (z.B. Vesting), Stimmrechtsumverteilung, Sonderstimmrechte, Buchprüfung, Potenzialanalyse, Notare… Und siehe da, fröhliche Lippenbekenntnisse vor der Kamera werden zu grimmigem Zähneknirschen hinter den Kulissen. Sei es, dass Klauseln auftauchen, die man in den ausführlichen Pitches von 2-3 Minuten nicht hat klären können. Oder weil die Unternehmensbewertung selbst mit dem weltweit größten Taschenrechner nicht gelingt.

Hätten wir von jedem, der uns fragte, ob wir uns schon bei der Sendung mit den Löwen beworben haben 10 Euro kassiert, wir hätten die Investorensuche wohl beenden können.

Lirum larum. Dem geneigten Leser mag die geringe Sympathie für solche DSDS-gleichen Sendungen im ansonsten so spannenden Startup-Umfeld aufgefallen sein. Daher hier ein Fallbeispiel, wie Investitionen im wahren Leben funktionieren:

Unternehmensbewertung vs. die Vorstellung, was an Anteile im Tausch für das gewünschte Kapital hergegeben werden soll:

Im Grundkurs BWL Unternehmensfinanzierung erfährt man nach ein paar Stunden, dass die Grundlage für eine Eigenkapitalfinanzierung von außen u.a. eine Due Diligence ist. Aha. Ok. Hä? Gut, ganz so kompliziert wollen wir es hier nun nicht machen. Grob erklärt ist es der Vorgang zur Bewertung des Unternehmens anhand der Finanzzahlen (vorliegende Bilanzen und Planung für die nächsten Jahre), Potenziale, Marktvolumen, Stand der Technik, Durchschnittliche Haarlängen und Pi. Je nach Unternehmen, Unternehmensalter und Branche können die zu betrachtenden Faktoren differieren.


Halten wir fest. Es ist kein einfacher Prozess. Im Vorfeld unserer Due Diligence hatten wir diverse Excel-Nächte. Wie berechnet man etwas bei dem es fast nur Variablen gibt und die Konstanten eher die Personen hinter dem Projekt sind? Die Spannungskurve ist auf dem Höhepunkt, drum kommen wir nun zur total überraschenden Auflösung des Rätsels: Es ist ein iterativer Prozess mit bestimmten Annahmen und Rahmenbedingungen, der am Ende ein eher weniger wissenschaftlich korrektes Ergebnis auswirft.

Man nehme also die bisherige Kapitalisierung, gebe das frische Kapital aller Investoren dazu, betrachte die Forderungen und man nähert sich noch langsam an. Der leicht verständliche Begriff von Eigenkapital tröselt sich auf in Stammkapital und Kapitalrücklage. Jetzt könnte der Fall eintreten, dass das einzubringende Kapital den Wert des Unternehmens oder der verfügbaren Anteile übersteigt.

Mit Eigenkapital kommt man dann nicht mehr weiter, ohne dabei die Gründer aus dem eigenen Unternehmen zu werfen. Daher bieten sich Kombinationen aus offener (EK) und stiller (FK) Beteiligung an. Die stille Beteiligung ist also ein (nachrangiges) Darlehen, welches am Ende des Tages den Spielraum für die Finanzierung darstellt. Erst jetzt kann brauchbar über die Anteile verhandelt werden, welche die neuen Investoren erhalten.

In unserem Fall hatten wir das Glück über die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz bereits finanziert zu sein. Wir hatten die Zusage, über weitere 450 T€, wenn ein weiterer Privatinvestor mit Produktions-Knowhow und idealerweise auch Produktionskapazitäten ebenfalls einsteigt. Wie bereits geschildert, konnte wir einen bzw. gleich zwei Privatinvestoren für uns gewinnen.

Alle Seiten forderten Anteile. Dann wurden die Beträge so lange iterativ durch die Excelspalten Stammkapital, Kapitalrücklage und stille BT gedreht, bis eine für alle Seiten akzeptable Konstellation entstand… Bingo!


In diesem Cap Table werden alle Anteile festgehalten, verabschiedet und zur Umsetzung in die Rechtsabteilung weitergereicht. Zack, mittelwenige Wochen später ist der Vertag fertig. Freudestrahlend zieht ein Tross zum Notar. Dieser hat einen Kubikmeter Papier zum Vorlesen vor sich gerichtet (ein Glas Wasser und eine Schachtel Rachengold liegen ebenfalls parat).

Die Unterschriften-Schlacht beginnt.

Ein freudiger Moment nach 7 Monaten Tauziehen, den man festhalten und genießen sollte. Viel zu schnell verpufft der Erfolg im Alltag. Denn es muss sogleich wieder gearbeitet werden. Was nun mit in einem mit frischem Kapital versorgten Startup passiert, wie die Entwicklung weitergeht und was das mit Meilensteinen zu tun hat, berichten wir irgendwann anders.

Um es mit Jochen Busses Worten zu sagen: Bleiben Sie uns gewogen!